Wie wird Olivenöl hergestellt? — Vom Olivenhain bis in die Flasche

Vom Olivenhain bis in die Flasche: Wie wird aus einer Olive ein Liter natives Olivenöl extra? Ernte, Mahlung, Malaxierung, Trennung, Filtration — die einzelnen Schritte erklärt, mit dem Unterschied zwischen Manufaktur und Industrie.


Von Stephan Uhlenbusch
5 Min. Lesezeit

Olivenöl-Herstellung — Bartolini, Olio Crudo, Monterosa und OMED auf Travertin

Wie wird aus einer Olive ein Liter natives Olivenöl extra? Der Weg vom Olivenhain in die Flasche ist einer der ältesten Verarbeitungsprozesse der Lebensmittelgeschichte — und gleichzeitig einer, in dem moderne Technik den entscheidenden Unterschied zwischen einem mittelmäßigen und einem herausragenden Öl macht. Wir nehmen Sie mit von der Ernte bis zur Abfüllung.

1. Anbau und Reifung — was vor der Ernte geschieht

Der Olivenbaum ist ein langlebiger Geselle: Bäume von 200, 500, manchmal 1.000 Jahren tragen noch Früchte. Im Mittelmeerraum blühen sie im Frühjahr, die Früchte reifen über den Sommer und Herbst und sind im Spätherbst bis Frühwinter erntereif.

Die Reifung der Olive bestimmt den Charakter des Öls:

  • Frühe Ernte (Oktober/November, noch grüne Oliven) — kräftiges, intensiv-fruchtiges Öl mit ausgeprägter Bitternote und Schärfe. Die Ausbeute ist niedriger, weil die Olive weniger Öl enthält. Premium-Linien werden so produziert.
  • Späte Ernte (Dezember/Januar, schwarze Oliven) — milder, runder, mit weicheren Aromen. Die Ausbeute ist höher, der Charakter weniger ausgeprägt.

Diese einzelne Entscheidung — Erntezeitpunkt — beeinflusst das fertige Öl mehr als die meisten anderen Verarbeitungsschritte zusammen.

2. Ernte — von Hand, mit Rüttler oder Maschine

Drei Erntemethoden sind heute gängig:

  • Handernte — die schonendste Methode. Oliven werden mit Pflückkämmen aus den Ästen gestreift, mit Netzen aufgefangen und in Kisten gefüllt. Die Olive bleibt unverletzt; die Qualität ist optimal. Aber: extrem arbeitsintensiv, daher die Methode der Premium-Manufakturen.
  • Rüttler — ein vibrierender Greifer rüttelt die Oliven aus dem Baum. Schneller als Handernte, schonender als Vollmechanisierung; Standard bei den meisten guten Höfen.
  • Vollmechanische Ernte — eine selbstfahrende Maschine fährt durch die Reihen und schüttelt die Oliven ins Auffanggefäß. Schnell und günstig, aber nur bei intensiv geführten, niedrig wachsenden Plantagen einsetzbar. Gute Höfe nutzen sie nicht für die Premium-Linien.

Wichtig in jeder Methode: Die geernteten Oliven müssen so schnell wie möglich in die Mühle. Jede Stunde Verzögerung erhöht den Säuregehalt und beeinträchtigt das Öl. Die Faustregel guter Manufakturen: innerhalb von acht Stunden nach Ernte gepresst.

3. Mahlen — die Olive wird zur Maische

In der Mühle werden die Oliven samt Kern zu einer Maische verarbeitet. Zwei Mahlsysteme sind gängig:

  • Steinmühle — die traditionelle Methode: schwere Granitmühlsteine zerquetschen die Oliven über mehrere Minuten. Die langsamere Mahlung erhitzt die Maische weniger; das Öl wird oft als „runder" und harmonischer beschrieben. Wird heute noch in Manufakturen wie Muraglia in Apulien eingesetzt.
  • Hammermühle — moderne Industrievariante: Stahlhämmer zerschlagen die Oliven sehr schnell. Höhere Ausbeute, schnellere Verarbeitung; in den meisten modernen Anlagen Standard.

Beide Methoden können hervorragende Öle hervorbringen. Entscheidender als das Mahlsystem ist die Temperaturkontrolle danach.

4. Malaxierung — die langsame Trennung

Die Olivenmaische wird in einen langsam rührenden Behälter (Malaxator) gegeben, in dem sich die Öltröpfchen vereinigen und auf den Wasseranteil der Olive aufschwimmen. Wichtig: Die Temperatur darf 27 °C nicht überschreiten — sonst verliert das Öl flüchtige Aromakomponenten und darf nicht mehr „natives Olivenöl extra" heißen.

Der Begriff kaltgepresst oder kalt extrahiert bezieht sich genau auf diese Temperaturgrenze. Bei guten Manufakturen ist sie selbstverständlich.

5. Trennen — Zentrifuge statt klassischer Presse

Die alte Bildvorstellung der Olivenpresse — Tücher mit Olivenbrei, schwere Steinplatten, herabtropfendes Öl — ist heute fast überall durch Zentrifugen ersetzt:

  • Zwei-Phasen-Zentrifuge — trennt Maische in Öl und feste Bestandteile (Trester); kein Wasser im Prozess, geringere Verluste an Aromakomponenten. Der heutige Standard guter Manufakturen.
  • Drei-Phasen-Zentrifuge — fügt Wasser hinzu, trennt in Öl, Wasser und Trester; einfacher, aber Aromaverluste möglich.

Manche Häuser haben darüber hinaus eigene Verfahren entwickelt, die noch schonender arbeiten — etwa die Mori-Technik des italienischen Maschinenbauers, mit der die Olearia Schiralli ihre Olio-Crudo-Linie unter Sauerstoffabschluss extrahiert.

6. Filtration — oder bewusst nicht

Nach der Trennung enthält das frische Öl noch feinste Schwebstoffe, die mit der Zeit zu Boden sinken. Hier teilt sich der Weg:

  • Filtriert — klares, glasklares Öl, längere Haltbarkeit, etwas weniger Aromenfülle. Standard bei den meisten Tafelölen.
  • Unfiltrato (ungefiltert) — leicht trüb, mit feinem Bodensatz, intensivere Aromatik, kürzere Haltbarkeit. Premium-Linien wie Olio Roi Mosto Roi oder das Calvi Mosto Oro setzen darauf.

Eine ungefilterte Flasche, die nach einigen Wochen einen sichtbaren Bodensatz zeigt, ist kein Qualitätsfehler — sie ist Programm.

7. Lagerung und Abfüllung — der letzte Schritt

Frisch gepresstes Öl wird in Edelstahltanks unter Inertgas (Stickstoff) gelagert, bis es abgefüllt wird. So bleibt es vor Sauerstoff geschützt. Die Abfüllung erfolgt meist in dunkles Glas, Keramik (wie bei Muraglia), Edelstahl oder lichtundurchlässige PET-Flaschen für günstigere Linien.

Ab diesem Moment beginnt die Uhr für den Kunden zu ticken — das frische Öl ist bereit für die Reise in die Küche.

Was raffiniertes Olivenöl ist

Nicht jedes Olivenöl, das in den Verkehr kommt, ist nativ. Wenn die mechanisch gewonnene Maische sensorische Mängel hat (z. B. weil die Oliven zu lange lagen, krank waren oder schlecht verarbeitet wurden), wird das Öl raffiniert: chemisch und physikalisch behandelt, neutralisiert und entfärbt. Das Ergebnis ist ein geschmacks- und geruchsneutrales Öl, das nicht mehr unter dem Begriff „nativ" verkauft werden darf.

Im Supermarktregal steht raffiniertes Olivenöl meist als „Olivenöl" (ohne „nativ" oder „extra") oder als Mischung „aus raffiniertem Olivenöl und nativem Olivenöl". Wer Charakter und Aromenvielfalt sucht, greift zur Klasse nativ extra.

Häufige Fragen

Was bedeutet „kaltgepresst"?

Die Olivenmaische wird bei der Verarbeitung nicht über 27 °C erwärmt. Das ist EU-Voraussetzung für die Klasse „natives Olivenöl extra" — gute Hersteller arbeiten ohnehin so. Der Begriff allein ist also kein Premium-Merkmal, aber eine Mindesthürde.

Wie viel Olivenöl ergeben 100 kg Oliven?

Je nach Sorte und Reifegrad zwischen 12 und 22 Litern. Frühe Ernten (grünere Oliven) ergeben weniger Öl, dafür intensiver. Späte Ernten ergeben mehr, dafür milder.

Was ist der Unterschied zwischen filtriert und ungefiltert?

Filtrierte Öle sind glasklar, länger haltbar und etwas neutraler im Charakter. Ungefilterte Öle (italienisch non filtrato) sind leicht trüb, haben einen sichtbaren Bodensatz und intensivere Aromen. Beides hat seine Berechtigung — Premium-Linien arbeiten häufig ungefiltert.

Warum sind manche Olivenöle so viel teurer als andere?

Drei Hauptfaktoren: Erntezeitpunkt (frühe Ernte = niedrigere Ausbeute = höherer Preis), Sortenwahl (sortenrein und seltene Sorten kosten mehr), Manufakturgröße (Familienbetriebe mit Handarbeit haben höhere Personalkosten). Auch DOP- und IGP-Siegel verteuern, weil zusätzliche Kontrollen und Eingrenzungen anfallen.

Was ist mit dem Begriff „erste Pressung"?

Historisch: Bei der mehrstufigen Pressmethode der Steinpressen war die erste Pressung die hochwertigste. Bei modernen Zentrifugen gibt es nur noch eine Pressung — der Begriff hat seine technische Bedeutung verloren und ist heute eher Marketing.

Zur Olivenöl-Übersicht · Welches Olivenöl zum Braten? · Was ist natives Olivenöl extra?



Zurück zum Sortiment

Entdecken Sie unsere Welt: Feinkost, Wein, Spirituosen, Alkoholfreies und Geschenkideen.

1 von 5